„Wir müssen akzeptieren, dass Kriegstüchtigkeit töten, sterben und Ernstfall bedeutet.“ Mit dieser zugespitzten Feststellung lenkte der Referent den Blick auf eine Realität, die in der öffentlichen Wahrnehmung lange verdrängt worden sei. Im Rahmen einer sicherheitspolitischen Vortragsreihe stellte der Referent, Timo Feilen, Grundsatzfragen zur Bundeswehr, ihrer Sichtbarkeit und ihrem Selbstverständnis in der Zeitenwende. Der Vortrag sorgte für angeregte Diskussionen – auch weil er die Mythen und Widersprüche der Bundeswehr offenlegte.
Unsichtbare Armee in einer sichtbaren Krise
Obwohl die Bundeswehr mit neuen Gefahren konfrontiert sei – etwa durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – bleibe ihre Sichtbarkeit im politischen und gesellschaftlichen Diskurs gering. Der Referent betonte, dass „Kriegstüchtigkeit“ zwar mittlerweile auf höchster Ebene angesprochen werde, jedoch meist nur als Randphänomen. Es handle sich weniger um eine tatsächliche Neuausrichtung als vielmehr um eine „semantische Debatte“, bei der die Organisationsstruktur der Bundeswehr außen vor bleibe.
Diese Unsichtbarkeit, so die These, sei historisch gewollt – sie diene als Voraussetzung für die Akzeptanz der Truppe in einer demokratischen Gesellschaft. Die Bundeswehr erscheine nur dann legitim, wenn sie nicht als das sichtbar werde, was sie ist: eine Gewaltorganisation.
Gewaltmonopol braucht Transparenz
Die zentral gestellte Frage lautete: Wie kann eine Gesellschaft, die sich der Demokratie verpflichtet fühlt, ein funktionierendes staatliches Gewaltmonopol erhalten, ohne die dazugehörige Gewalt sichtbar werden zu lassen? Der Referent machte deutlich, dass in Krisen- und Kriegsszenarien nicht nur Ressourcen und Ausrüstung gefragt seien, sondern vor allem eine offene Auseinandersetzung mit der Rolle der Bundeswehr. „Transparenz bedeutet, dass wir den Bürgern auch die Realität der Gewalt zumuten müssen.“
Dazu gehöre es auch, über den Wandel der Bundeswehr als Institution zu sprechen – weg von einer Armee im humanitären Einsatz hin zur strategischen Verteidigungskraft. Die Realität des Soldatenberufs müsse wieder als das anerkannt werden, was sie im Kern sei: der Umgang mit physischer Gewalt, auch mit tödlicher.
Historische Rückblicke und strukturelle Kontinuitäten
Der Referent unternahm eine historische Einordnung der Bundeswehr und verwies auf das Konzept der „Inneren Führung“. Diese stelle sicher, dass der Soldat als „Staatsbürger in Uniform“ agiere und sich in das demokratische Gefüge einfüge. Dennoch reiche dieser normative Rahmen nicht aus, um die tiefgreifenden strukturellen Probleme der Bundeswehr zu adressieren. „Die Strukturen der Bundeswehr sind das eigentliche Problem“, lautete eine zentrale Aussage.
Besondere Aufmerksamkeit galt der sogenannten Schnez-Studie, die im Jahr 1969 das Misstrauen gegenüber Soldaten und deren institutionelle Einbindung kritisch beleuchtete. Insbesondere in den Folgejahren entbrannte die Debatte darüber und schlug sich zu Gunsten der gesellschaftlicher Skepsis gegenüber der Armee nieder. Feilen betonte, dass diese Haltung bis heute fortwirke: „Die Bundeswehr ist dann akzeptiert, wenn sie nicht stört – oder besser: wenn sie gar nicht auffällt.“
Die Bundeswehr im Einsatz – zwischen Ideal und Realität
Am Beispiel des Afghanistan-Einsatzes wurde das Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher Wahrnehmung und militärischer Realität verdeutlicht. Die Frage, ob etwa der Angriff auf zwei Tanklaster bereits als kriegerischer Akt zu werten sei, bleibe umstritten. Der Referent wies darauf hin, dass die Bundeswehr zwar mit dem Bild des „Freund und Helfers“ arbeite, jedoch in Wirklichkeit als Exekutor staatlicher Gewalt handle. Das widerspreche nicht nur dem medial vermittelten Selbstbild, sondern auch den Erwartungen vieler Bürgerinnen und Bürger.
Neue Mythen und alte Strukturen
Mit Blick auf aktuelle Werbekampagnen – etwa „Kämpfen und Führen“ – wurde deutlich, dass sich die Bundeswehr ein neues Selbstbewusstsein zu geben versuche. Doch die Kluft zwischen äußerer Darstellung und interner Realität sei erheblich. „Bevor wir neue Mythen schaffen, müssen wir die alten überwinden“, so Feilen. Nur dann könne eine ernsthafte sicherheitspolitische Debatte geführt werden, die über symbolische Politik hinausgehe.
Ein zentrales Dilemma bestehe darin, dass die Bundeswehr gleichzeitig sichtbarer und funktionaler werden müsse – ohne dabei die demokratischen Grundsätze zu gefährden. Doch dieser Wandel werde, so die Einschätzung des Referenten, mindestens ein Jahrzehnt benötigen.
Soldatensein im Vergleich – Bundeswehr vs. Zivilgesellschaft
Abschließend verglich der Referent das soldatische Selbstverständnis mit zivilen Erfahrungsräumen, etwa dem Studium. Die Unterschiede seien gravierend: Während in der Bundeswehr Kameradschaft, Disziplin und körperliche Grenzerfahrung zentrale Elemente seien, dominiere an der Universität ein anderes Verhältnis zur Autorität und zum Leistungsprinzip. Der Vergleich diene nicht der Bewertung, sondern solle die Andersartigkeit des Soldatenberufs betonen – eine Andersartigkeit, die häufig übersehen werde.
Fazit: Ohne funktionierendes Gewaltmonopol keine Demokratie
Nach Ende des Vortrages zeigte sich der Diskussionsbedarf bei den Zuhörenden. HSG-Vorsitzender Jan (Nachname) summierte abschließend: „ Die Resonanz des Publikums hat uns als Hochschulgruppe seht gefreut. Man hatte den Eindruck, dass wir mit dem Vortragsthema einen Nerv getroffen haben. Herr Feilen hat dort Klarheit geschaffen, wo vielleicht noch Informationsbedarf herrschte – dafür sind wir ja da!“
Der Vortrag endete mit einer klaren Mahnung: Der Rückzug aus der Auseinandersetzung mit militärischer Gewalt gefährde letztlich die Demokratie selbst. Feilen argumentierte, dass „das Ende der Bundeswehr das Ende der Demokratie“ einleiten könne – zumindest dann, wenn keine andere Institution mehr bereit oder in der Lage sei, das Gewaltmonopol auszuüben. Kriegstüchtigkeit bedeute nicht nur Ausrüstung und Strategie, sondern vor allem eine gesellschaftliche Bereitschaft, sich mit der Realität von Gewalt auseinanderzusetzen.
Geschrieben von Melanie Lang
